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coloRadio - ein freier Radiosender in Dresden ...

Anspruch und ... Wirklichkeit aus subjektiver Sicht - Teil 1

von Michael Winkler, Juli 2008 - April 2009 (veröffentlicht 15. April 2009)

 




 


Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit. Es schreibt mit der Linken und tut mit der Rechten.


Peter Panter alias Kurt Tucholsky (1890-1935)

aus "Die Weltbühne", 03.02.1931, Nr. 5, S. 185



Vorbemerkungen

Kurt Tucholskys Ausspruch scheint auch über 75 Jahre später noch aktuell ... und heute ist das Radio ein allgegenwärtiges Medium, auch die sog. freien Radios. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Freien Radio Dresden, dem "coloRadio".

Über den Begriff der Freiheit philosophieren Menschen seit Jahrtausenden. Politiker und verschiedene Interessen- und Lobbygruppen benutzen ihn je nach ihren Interessenlagen. Der "einfache Bürger" hat wiederum seine eigenen Ansichten ... und irgendwie kommt es zwangsläufig immer wieder mal zu Missverständnissen. So geschehen auch bei meiner (ehrenamtlichen) Mitarbeit beim freien Radiosender coloRadio in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Folgender Artikel stellt einen subjektiven Standpunkt des Autors dar. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mit diesem Artikel eine Rolle übernehme, die im Unternehmens- und Politikbereich mitunter auch "whistleblower" genannt wird. Bei sog. alternativen und hauptsächlich ehrenamtlich gestalteten Projekten ist eine solche Rolle zwar nicht unbedingt mit dem Verlust des Arbeitsplatzes verbunden, weil man einfach gehen kann (so wie einige vor mir bei coloRadio), doch gleichzeitig sitzt man zwangsläufig zwischen den Stühlen, da es nach außen hin häufig so aussieht, als würde man den sogenannten gesellschaftskritischen Kräften Schaden zufügen wollen. Mir geht es jedoch ausschließlich um Transparenz und konstruktive, sprich gestaltende Kritik.

Insofern versuchte ich möglichst selbstkritisch auf einige Dinge einzugehen. Das Verfassen des Textes zog sich - mit einigen Pausen - über mehrere Monate hin. Dies erwies sich als notwendig, um zum einen die persönlichen Befindlichkeiten meinerseits abzubauen und einen klareren Blick auf die Sache zu bekommen. Zum anderen kamen neue Aspekte, Kontakte, Sichtweisen hinzu, die ich in meiner Analyse nicht unbeachtet lassen wollte. Ein Jahr nach einem verordneten Sendeverbot (siehe Punkt 4.), sehe ich jedoch die Zeit gekommen, etwas stärker als bisher in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich vertraue dabei auf die Objektivität des Lesers bzw. der Leserin, sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Um die Übersichtlichkeit dieses komplexen Themas wenigstens annähernd zu wahren, habe ich den Text in 13 Kapitel unterteilt.

 

1. Wie ich zu coloRadio kam & meine "Karriere" bei einem freien Radio

2. Das hausgemachte Problem der sogenannten "Linken" - Was ist freies coloRadio?

3. Der Spagat zwischen interner & externer Kommunikation ... e-Mail-"Schlachten" und weitere Sendungen

4. Sendung absetzen", "auf SPAM-Liste setzen", Sendeverbot à la Sendepause - Mobbing einmal anders

5. Meine Thesen aus Sicht eines anderen - gelungene Fremdanalyse eines möglicherweise "Hardcore Leftwing"

6. Freie Radios in Sachsen - wirkliche und hausgemachte Schwierigkeiten

7. Als (pro-forma-)V.i.S.d.P. von coloRadio mit Schwierigkeiten 

8. Transparenz - ein Zauberwort mit mehreren Bedeutungen ... Anspruch und Realität bei coloRadio

9. Handball und Fußball - Ratschläge für Leute, die (dennoch) bei coloRadio arbeiten wollen

10. Über den freiwilligen Abgang zur "Persona non grata" bei coloRadio?

11. Wo Angst regiert, ist schlecht arbeiten

12. Eine andere Kommerzialisierung bringt auch ein anderes Radio hervor

13. Fazit & Die Zukunft von coloRadio

 

1. Wie ich zu coloRadio kam & meine "Karriere" bei einem freien Radio

Im Sommer 2003 wurden für ein dreitägiges Rund-um-die-Uhr-Programm unter dem Namen "Radio Null" Mitgestalter gesucht. Ich war damals mit einem Freund in der Dresdner Selbsthilfebewegung für stotternde Menschen engagiert und so entstand die Idee, eine Sendung über Stottern zu machen. Diese lief dann live am 14. September 2003 unter dem Motto "Sto-sto-stottern im Radio". Da das Radiomachen mir Freude bereitete, wuchs der Wunsch, weiter zu arbeiten und Neues auszuprobieren.

Im Laufe des Jahres 2004 produzierte ich einige Sendungen über Weltsozialforum im indischen Mumbai (Bombay), welche dann im Frühjahr und Sommer im Programm von coloRadio - damals mit einer Zulassung von nur 4 Stunden pro Woche - liefen. Bereits damals fiel mir in Gesprächen und Sendevorbereitungen eine gewisse Grenze im Freisein einiger coloRadio-Mitwirkender auf. Meine globalisierungskritische Sicht war offenbar nicht kritisch genug. Die Sendungen liefen dennoch über den Äther. Im September 2004 interviewte ich vier Hungerstreikende vor dem Sächsischen Sozialministerium auf der Dresdner Albertstraße, die für eine Rehabilitierung und finanzielle Entschädigung ihrer DDR-Haftstrafen demonstrierten. Als Magazinbeitrag produziert sollte er im Abendprogramm laufen. Da ich selbst zur Sendezeit nicht anwesend war, hinterlegte ich die CD beim Magazin-Verantwortlichen. Der Beitrag lief jedoch nicht im Programm, da die CD angeblich nicht funktionierte. Nichts Genaues weiß man nicht, doch spätestens im Jahr 2006 stellte ich eine nach außen hin äußerst kritisch erscheinende, bei genauer Betrachtung eher misstrauische Einstellung einiger Langzeitmitglieder mir gegenüber und DDR-kritischen Themen fest.

In dieser Zeit - Ende 2006, Anfang 2007 - begann ich auch ab und an, Vollversammlungen und Gesamtredaktionssitzungen bei coloRadio teilzunehmen, da ich mich vom gelegentlichen Sendungsmacher zu einem Mitglied, welches sich auch um das Organisatorische zu kümmern gedachte, entwickeln wollte. Ich ging damit wohl den Weg vieler der mittlerweile schätzungsweise 100-200 Sendungsmacher und Mitwirkenden bei coloRadio. Über anfängliche Radiosendungen schnuppert man am Rande mal mit in die Organisation hinein, da diese ja irgendwie auch wichtig ist. Man versucht sich zu integrieren und macht Vorschläge. Logischerweise kommt man dabei nicht um Erfahrungen herum. In den meisten Vereinen oder Institutionen jeglicher Art ist es so, dass Neulinge sich erst einmal "anpassen müssen". Sie werden gemustert bzw. von den "alten Hasen" teils erwartungsvoll, teils skeptisch angeschaut ... und bei einigen überwiegt vor allem m.E. eines: Misstrauen; insbesondere wenn es um Politik geht.

Ich wusste um diese Probleme und suchte einen möglichst unkomplizierten Weg, einen Sendeplatz im 49-Wochenstunden-Schema (ab März 2007) von coloRadio zu bekommen. Meine anfänglichen Bedenken, dass es keine freien Kapazitäten geben würde, erwiesen sich bald als überflüssig. Ich fand eine Sendungsmacherin, welche sehr gern zwei Stunden pro Monat abgeben wollte; im Format "Frühstücksradio", samstags von 12-14 Uhr. Das kam mir sehr entgegen, da ich den Schwerpunkt mehr in Richtung Unterhaltung legen wollte. Nach fünf vorproduzierten Sendungen zu mehr oder minder politischen Themen, unterlegt mit Musik, stellte mir diese recht starre Art und Weise der Sendung keine Herausforderung mehr dar. Zudem wollte ich mir als gelegentlich noch stotternder Menschen, den "Kick" des Live-Sendens geben und sehen, ob das möglich sei. Es folgten fünf Sendungen allein und ab dann ergab es sich, dass ich Studiogäste live im Radio begrüßen konnte - Menschen "von der Straße", die etwas zu sagen hatten und häufig das erste Mal live im Radio waren (siehe auch Sendungsliste Brunchradio). Vieles ergab sich spontan, sowohl die Studiogäste (manchmal erst am selben oder vorhergehenden Tag) als auch die Inhalte (nicht selten innerhalb der Musiktitel zwischendurch).

So weit, so gut ... parallel dazu gibt es natürlich - wie bereits erwähnt - noch die organisatorische Seite des Radios, ohne die vieles einfach nicht laufen würde. Ich war mir dessen bewusst und erklärte mich im November 2007 bereit, die Funktion des "V.i.S.d.P." zu übernehmen, die jedoch - wie ich ein paar Monate später feststellte - damals noch pro forma war, da coloRadio noch keine eigene Lizenz besaß.

2. Das hausgemachte Problem der sogenannten "Linken" - Was ist freies coloRadio?

Was ich bei coloRadio-Sitzungen feststellte war vor allen Dingen eine gewisse Zähigkeit, die die Diskussionen prägte. Eines Tages im Januar 2008 kam das Gespräch - ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang - auf das Thema "freies Radio". Hier herrschte offenbar kaum Einigkeit, was mensch darunter verstehen könnte bzw. welcher Ansatz nun der "wahre" sei und welchen coloRadio verfolge. Unterscheidungen wie "Bürgerfunk", "Offener Kanal" und "freies Radio" - um nur einige zu nennen - machten die Runde. Ein paar Tage später, in der selben Woche, führte ein eigentlich scheinbar unwichtiger Zwischenfall (ein Missverständnis bei Absprache des "Schlüsseldienstes" mit folgender lautstarker verbaler "Attacke" mir gegenüber) dazu, dass ich mir eine Woche Gedanken machte, was das Grundproblem bei coloRadio sei. In dieser Zeit fiel es mir quasi wie "Schuppen von den Augen", dass die dogmatische Haltung einiger sogenannter Linken bei den langjährigen Mitstreitern von coloRadio sich auf das gesamte Klima im Radio auswirkt und in gewisser Weise schadet sowie letztlich auch der Qualität des Programms keineswegs immer zuträglich ist. Keine allzu neue Feststellung für die meisten, vermute ich, doch jede/r macht eben seine eigenen Erfahrungen.

Mit anderen Worten könnte man es auch so formulieren: Wer sich permanent gegen die Probleme dieser Welt stellt, scheint zwar nach außen hin als wichtiges Element in der Gesellschaft angesehen zu werden, doch neben dem WAS? ist das WIE? genauso wichtig. Dogmatische Linke neigen m.E. durch die Fokussierung auf die Probleme in der Gesellschaft und der Welt im allgemeinen dazu, daraus eine permanente "Gegen"-Haltung zu entwickeln verbunden mit einem latenten, doch spürbaren Misstrauen gegenüber "Abweichlern". Mit nahezu bewundernswerter Blindheit können einige Sendungen machen, bei denen viele HörerInnen wahrscheinlich nach 10 Minuten um- oder abschalten. Ich habe mich auch mit Radiomachern unterhalten, denen es - nach eigener Aussage - ausschließlich darum ging, was sie sagen und nicht auch vielleicht darum, was der Hörer eventuell hören möchte bzw. vielmehr, was er "verdauen" kann. Politik schön und gut, doch der Wissenstransfer verlangt ein bisschen mehr, um letztlich die Ohren der Hörer zu erreichen. Radiomachen verkommt ansonsten schnell zu einer Art "medialer Selbstbefriedigung", die man besser in der eigenen Küche oder im Freundeskreis tun könnte als sich bei einem Radiosender unter dem Wort "frei" zu produzieren. Wahrscheinlich haben die meisten Samstags-DJs in Dresden mehr (Zu)Hörer als coloRadio. Das Problem dabei ist, dass kaum überprüft werden kann, wer coloRadio wirklich hört. Aufgrund der eingeschränkten Reichweite könnten es 20 Hörer sein oder auch 5000.
 

Ich entschloss mich Ende Januar 2008 - aufgrund der Reflexion der vorangegangenen Ereignisse - eine e-Mail mit einigen einige Kritikpunkte und Verbesserungsvorschlägen an die Mitglieder- und Redaktionsmailingliste zu verschicken. Ein Argument meinerseits war, dass "Ein linkes Projekt ... per se niemals freies Radio machen [kann]." Ein weiteres bestand in der Feststellung, dass sich das Radio selbst schadet, wenn es auf der Einstiegs-Internetseite "Konsequent gegen medialen Mainstream" zu stehen hat. Warum nicht stattdessen "Für mediale Vielfalt" werben? Zudem lehnte ich mich - wohl aufgrund angestauter Energien über drei Jahre hinweg - mit Behauptungen wie z.B., dass coloRadio seinem Anspruch nach eher ein redRadio wäre und "dazu in manchen Sendungen ziemlich einfältig statt vielfältig.", wohl etwas aus dem Fenster.

Startbild der früheren coloRadio-Homepage, welche bis Ende April 2008 gültig war

Da ich - aufgrund meiner Erfahrungen - wenig Veränderung bei coloRadio erwartete, waren diese spitzen Bemerkungen durchaus beabsichtigt. Gleichzeitig schlug ich vor, das Wort "frei" aus der Homepage von coloRadio zu streichen, damit etwas mehr Authentizität herüberkomme. Ebenso plädierte ich für einen "Klimawandel" bei coloRadio mit den Worten: „Von heißen Köpfen und kalten Herzen hin zu kühlen Köpfen und warmen Herzen.“ Zudem erklärte ich die Sendung am darauf folgenden Wochenende (Samstag, 2.2.2008) zum Thema "Was ist freies Radio?" - zzgl. einer Einladung an alle Interessierten ins Studio zu kommen - zu meiner letzten Sendung bei coloRadio. Interessanterweise nahm mir dann in dieser Sendung einer der beiden Studiogäste - selbst bis Ende 2007 bei coloRadio bezahlt teilzeitmäßig angestellt -, die Moderation nach reichlich fünf Minuten etwas aus der Hand und verwies auf den vorangegangenen internen e-Mail-Verkehr bei coloRadio. Dies war meinerseits eigentlich nicht geplant, da ich allgemein über freie Radios sprechen wollte, doch Improvisation gehört ja in gewisser Weise zum Standard beim  Radio. Ich ging diesen Weg mit und es kam eine sehr interessante Sendung zu Stande, die auch durch einen weiteren, dritten Studiogast und "Quasi"-Mitarbeiter bei coloRadio ergänzt wurde. Nachzuhören ist die gesamte Sendung, welche sich über fast 70 Minuten erstreckte, in vier Teilen hier ...
 
Wozu Freies Radio? - Neun Argumente

1. Freies Radio ist Kultur.
2. Freies Radio fördert Kultur.
3. Freies Radio bietet ein Podium für       
    gesellschaftliche Gruppen.
4. Freies Radio bietet ein Forum für
    demokratische Meinungsbildung.
5. Freies Radio fördert politische Mündigkeit.
6. Freies Radio unterstützt ein tolerantes und 
    weltoffenes Klima.
7. Freies Radio wirkt einer Tendenz zur 
    Konzentration in der Medienlandschaft entgegen.
8. Freies Radio schafft Vielfalt.
9. Freies Radio hat schon bewiesen, was es kann.

3. Der Spagat zwischen interner & externer Kommunikation ... e-Mail-"Schlachten" und weitere Sendungen

In der ersten Sendung kam u.a. eines zum Ausdruck, dass freies Radio in vielerlei Hinsicht nicht immer so frei ist wie es vielleicht zu sein schien. Ich persönlich versuchte, mich seit Anbeginn meiner Radiotätigkeit an den links aufgeführten Kriterien auszurichten. Interessanterweise existierte diese Seite nur noch in einem Forumsbeitrag auf der Seite eines Dresdner Studentenforums namens "Exmatrikulationsamts". Dies erstaunte mich doch sehr, dass diese Argumente nirgends mehr auf den coloRadio-Seiten zu finden waren und noch mehr wohl die Tatsache, dass dies die genau diese Kriterien waren, mit denen coloRadio ursprünglich Anfang der 1990er Jahre gestartet war (dies erfuhr ich erst im Frühjahr 2008). Interessanterweise wurden eben jene Kriterien jetzt, im Sommer 2008, von einigen wieder benutzt, um coloRadio zusammen mit den anderen beiden sächsischen freien Radios - Radio Blau in Leipzig und Radio T in Chemnitz - die Zukunft ab 2009 zu sichern und langfristig eventuell einen 24-h-pro-Tag-Sendeplatz zu erhalten.
Prinzipiell befürworte ich eine Ausweitung freier Radios, um Alternativen zum staatlichen und privaten Rundfunk zu fördern, doch was einige MitstreiterInnen bei coloRadio tun, ist schlichtweg scheinheilig. Nach außen hin wird mit Argumenten der "Urväter" geworben, die im Innenleben fast keinen Platz mehr haben.

Da die ursprünglich als einmalig geplante Sendung am 02.02.2009 sehr viel in Bewegung gebracht hatte, entschied ich mich für eine Fortsetzung. Am 9. und 16.02.2008 folgten zwei weitere Brunchradio-Sendungen (samstags, 12-14 Uhr); jeweils mit einigen Wortmeldungen zum Thema "Was ist freies Radio?". Es erschienen u.a. der Vorstandsvorsitzende von coloRadio im Studio als auch einige andere langjährig Mitwirkende. Die Sendungsbeiträge sind hier nachzuhören. Einer der Hauptschwerpunkte der Sendung vom 9.2.2008 war u.a. wie coloRadio mit dem Thema "Rechtradikalismus" umgehen sollte ... ein heißen Eisen in einem "linken Projekt" wie man sich vielleicht vorstellen kann. Man möge sich selbst ein Bild über die Wortbeiträge machen.
 

4. "Sendung absetzen", "auf SPAM-Liste setzen", Sendeverbot à la Sendepause - Mobbing einmal anders

Zwischen den drei Sendungen (2., 9., 16.02.2008) lief die Kommunikation intern weiter - per e-Mail über die Mitglieder-Mailingsliste. Interessanterweise dauerte es keine zwei Wochen bis die erste Stimme, die Absetzung der Sendung "Was ist freies Radio?" forderte - O-Ton: "Ich plädiere für die Absetzung dieser Reihe, bis dafür ein schlüssiges Konzept vorliegt, dass wir im Konsens tragen können." (14.02.2008) Das klang eigentlich ganz gut, doch jener Schreiber war Gast in der ersten Sendung und konnte das Geschehen doch selbst bestimmen. Einen Tag später (15.02.2008) folgte die nächste Anfrage einer Person, die selbst lange keine Sendung bei coloRadio gemacht hatte: "... und ich weiß auch nicht, wie oft das Frühstücksmagazin am Sonnabend noch so laufen soll." Immerhin war hier das kleine Wort "so" noch drin. Doch was hatte ich getan, außer Fragen zu stellen? Die Antworten kamen ja von den Mitwirkenden und eine Sendung kann von den Studiogästen mitgestaltet werden. Zudem nahm kaum einer der Anwesenden mein Angebot an, Werbung für seine Sendung und coloRadio zu machen. Jeder "blamierte" sich so gut er konnte, inklusive meiner selbst. Mir gefiel dieser Stil jedoch, da er Menschen etwas an die geistige und pseudo-ideologische Substanz ging. Wenn man einige erst einmal sprechen lässt, erkennt man m.E. am WAS sie sagen und vor allen Dingen am WIE sie es sagen, ihre wahre Einstellung zum Thema "Freiheit" bzw. "freies Radio". Die oben bereits zitierte Mail vom 15.02.2008 enthielt im Übrigen auch die sehr treffende Frage: "Gibt es eigentlich gar nix, was bezüglich eines freien Radios klar ist?" Gute Frage, denn offenbar wurde hier der Nagel ziemlich zentriert auf den Kopf getroffen.

Ein weiterer e-Mail-Schreiber "drohte" mich auf seine SPAM-Liste setzen, weil er offenbar meine e-Mails nicht mehr lesen wollte (auch er war Studiogast und offenbar war es auch ihm zu viel Offenheit). Eine teilweise verständliche Reaktion, da ich zunächst dachte, meine Sichtweise erklären zu "müssen" und auch auf ca. jede zweite e-Mail antwortete. Bei vier, fünf Schreibern war ich dennoch zwei- bis dreimal so oft vertreten wie jede/r andere. Was ich ahnte, jedoch nicht bewusst einplante, war der Fakt, dass e-Mails immer so oder so gelesen werden können und zudem hatte kaum einer der Forderung nach einer Absetzung der Sendung (Mail siehe oben vom 14.02.2008) widersprochen. Ich formulierte es offen als "Bankrotterklärung des Freien Radios in Dresden", denn was ist es sonst, wenn eine Sendungsreihe zum Thema "Was ist freies Radio?" mit Möglichkeit der Eigenwerbung in einem sog. freien Radio abgesetzt werden soll? Zur Gesamtredaktionssitzung Ende Februar 2008 war ich nicht anwesend, da ich mich zum einen auf einer anderen Veranstaltung befand und zum anderen auch eigentlich immer noch nicht verstanden hatte, was das eigentliche Problem an der ganzen Sache war. Keiner konnte mir wirkliche Argumente liefern, was mir im Gegenzug als Resistenz gegenüber Argumenten anderer ausgelegt wurde. Nur weil ich meine Meinung häufiger offen geäußert hatte?

Zwischendurch bot sich einer der Studiogäste über die e-Mail-Liste an, die bisher von mir moderierte Frühstücksradiosendung zu übernehmen, was jedoch auf nicht gerade freudige Resonanz bzw. Nichtbeachten bei anderen coloRadio-Mitglieder stieß. Ich fand die Art und Weise zwar etwas seltsam, da es mich an die "freundliche Übernahme" von Firmen durch andere Firmen in der "bösen kapitalistischen Welt" erinnerte und jener Sendungsmacher noch Tage zuvor in meiner Sendung besonders hart mit dem Kapitalismus ins Gericht gegangen war. Doch da ich seine Idee prinzipiell nicht schlecht fand, bot ich ihm öffentlich an, dass wir die Sendung ja zusammen machen könnten (so à la "Böttcher & Fischer" auf Radio PSR), worauf er allerdings nicht mehr einging ... auch nach zweimaligen Nachfragen nicht.

Mir schien die Atmosphäre bei coloRadio dennoch wieder offener. Etwas hatte sich offenbar getan. Zumal hatten mir einige teilweise lächelnd zugesichert, dass sie die von mir angesprochenen Dinge bzgl. coloRadio auch so sehen würden. Es wunderte mich damals nicht wirklich, dass sich diese Zustimmung jedoch nicht in Wortmeldungen o.ä. äußerte. Viele kennen sich im Radio nicht, es ist ein Ein- und Ausgehen und eine Sache hatte ich völlig unterschätzt: die Angst einiger Sendungsmacher, ihre eigene Sendung in Gefahr zu bringen. Denn diese Erfahrung sollte ich noch vor mir haben.

Die zwei März-Sendungen (am 1. und 8. März 2008) verliefen "wie sonst gewohnt", jedoch erschien niemand mehr im Studio, um entweder über seine Sicht auf freies Radio zu sprechen oder seine eigene Sendung vorzustellen. Also führte ich das Programm wie die Monate vor dem Februar 2008 fort: Musik, Gäste und ab und an ein paar Kommentare, wie das ebenso beim Frühstücks- bzw. Brunchradio war und ist. Was ich nicht wusste und naiverweise auch nicht ahnte, war der Fakt, dass sich im Hintergrund ganz andere Dinge regten und einiges von einigen keineswegs vergessen worden war. Rund fünf Wochen nach der letzten Sendung zum Thema "Was ist freies Radio?" wurde mir in der Gesamtredaktionssitzung vom 20. März 2008 von den fünf ("5") anwesenden Personen eine einmonatige Sendepause verordnet. Das Protokoll meinte dazu folgendes: „Nach hin und her beschließt die Runde einstimmig, dass Michael Winkler bis zur nächsten RedaktionsVV sich weder als Sendungsmacher noch als Sendungsgast am Mikrofon äußert. Diese Pause soll er nutzen, ein Sendekonzept zu entwickeln, über das dann diskutiert werden kann. Es soll daraus hervorgehen, welche Ziele er mit der Sendung verfolgt, welche Inhalte sie haben soll und mit welchen Methoden er Ziel und Inhalt verwirklichen will.“

Ich hatte das Protokoll erst später gelesen, nämlich an dem Punkt, wo ich für eine 2-stündige Sendelücke (was bei coloRadio mitunter mehrmals wöchentlich vorkam) einspringen wollte und mir daraufhin gesagt wurde, dass ich gar nicht senden könne, da ich eine Sendepause hätte. Ich war zunächst einigermaßen verdutzt. Offenbar hatte ich da etwas verpasst. Zur Gesamtredaktionssitzung war ich nicht erschienen, weil ich zu viele langatmige Sitzungen, in denen sich dann letztlich doch die Hartnäckigsten und die persönlichen Interessen durchsetzen, erlebt hatte. Für mich hatte sich die Sache "freies Radio" eigentlich damit erledigt, dass keiner über coloRadio sprechen und auch keiner für seine Sendung werben wollte. Mein Problembewusstsein war offenbar ein anderes und das konnte man mir natürlich ankreiden, aus formalen Gründen vielleicht zu Recht. Doch formal ist auch, dass es nie eine konkrete Begründung für die Sendepause gab.

Kenner interner Vorgänge bei coloRadio werden sicher wissen, was es heißt, wenn fünf Personen von ca. 100-200 Mitwirkenden zu einer Gesamtredaktionssitzung kommen und dort eine Entscheidung fällen. Ebenso wird man erahnen, was man mit der Wortwahl "Sendepause" versuchte zu vermitteln. Ein hohes Gremium schickt einen Sendungsmacher quasi in die Ecke, wo er sich mal einen Monat überlegen kann, was er so falsch gemacht hat. Etwas konkreter könnte man es auch "Sendeverbot" nennen, denn es wurden nicht nur die Inhalte bemängelt, sondern es wurde mir insgesamt die Sprecherlaubnis entzogen. Damit richtete sich der Beschluss (wenn man ihn denn so nennen kann) nicht nur gegen mich, sondern auch gegen alle anderen, die mich eventuell als Studiogast hätten einladen wollen.

Man darf überlegen, was passiert wäre, wenn ich das alles ignoriert hätte und einfach weitergesendet hätte. Doch ich fand die Idee mit dem Sendekonzept ganz gut, weil es mir selbst einmal die Möglichkeit gab, meine eigene Sendung etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Ich schrieb ein Konzept (Download vorgelegtes Sendekonzept - März 2008) und schickte es ein paar Tage später an die fünf Personen, die über mich das Sendeverbot verhängt hatten. Eine Person meldete seine Ankunft, ansonsten Schweigen. Drei weitere Personen bestätigten den Empfang auf nochmaliges Anfragen. Die fünfte Person im Bunde grüßte mich nicht mehr. Vielleicht ist es gut zu erwähnen, dass es sich um Personen im Alter von 25 bis 55 handelte und wir nicht von Personen im Teenager-Alter sprechen. Ich stellte das Konzept ins Internet, ließ es über die Mailingliste laufen ... keine Antwort. Es verwunderte mich auch nicht, dass keine Reaktion von anderen Personen außer jenen fünf, die das Sendeverbot ausgesprochen hatten, kam. Warum auch? Keiner wusste doch so richtig, wo das Problem lag und warum sich in die Angelegenheiten anderer einmischen.

Ein langjähriger Mitwirkender bei coloRadio (seit mindestens 10 Jahren dabei) meinte zu mir, dass er sich nicht erinnern kann, dass es jemals einen solchen Fall bei coloRadio gegeben hatte, in der ein Sendekonzept nachgereicht werden sollte. Ich fand die Idee mit dem Sendekonzept ja eigentlich ganz sinnvoll und schrieb an die Mailingliste, dass ich dies für alle Sendungen gut finden würde. Warum Unterschiede machen? Warum nicht jedem Redaktionsteam mal die Möglichkeit geben, etwas konkreter im Theoretischen zu werden? Doch ich ahnte bereits, dass die fünf Personen mein Sendekonzept wahrscheinlich eher "negativ lesen" würden, die ewige coloRadio-Prozedur des Mürbemachens bis die Person die Lust zu verlieren beginnen und von selbst gehen würde. Es gab wahrscheinlich kaum eine "anti-kapitalistische" Sendung auf coloRadio, die sich jemals einer solchen Prozedur hatte unterziehen müssen.

5. Meine Thesen aus Sicht eines anderen - gelungene Fremdanalyse eines möglicherweise "Hardcore Leftwing"
 
Mitunter wird man ja mit der Zeit etwas betriebsblind. Wenn die wirklichen Argumente ausgehen und die Freiheit eingeschränkt wird, dann verfängt man sich schnell in endlosen Diskussionen. Genau das passierte mir und witzigerweise kam mir da einer der analytisch besser ausgestatteten "Altkader" von coloRadio zu Hilfe, offensichtlich jedoch ganz ohne sein Wissen und Wollen. Er fasste in wenigen Zeilen das zusammen, worauf ich eigentlich hinaus wollte (siehe Kasten rechts). Nur dass er eben genau dies offenbar nicht so sah bzw. nicht so wollte.
Ich war derart überrascht, als ich diese Zeilen las, dass ich zunächst dachte, er mache sich einen Scherz.
Die Thesen:
1. bei coloradio dürfen Freigeister keine Sendungen machen, weil eine unbestimmt bleibende Ingroup von Propagandisten
des Hardcore Leftwing dies verhindern.
2. coloradio könnte hörbarer und freier sein, wenn es versucht, den Deutschlandfunk in punkto liberalseuselnder Beliebigkeit zu überholen und sich (im Konzert mit Sponsoring-Konzepten) gut mit Eigenwerbung hyped.

Auszug aus einer Listen-e-Mail vom 28.03.2008

Analysieren können die sog. Linken ja ganz gut, dass weiß die Welt nicht erst seit Karl Marx und seiner Kapitalismus-Analyse im "Manifest der Kommunistischen Partei". Doch ebenso wie Marx ziehen sie m.E. nach daraus Konsequenzen, die zwar nach außen hin sehr gut klingen und dies immer noch tun (Schlagworte sind heute u.a. "sozial", "emanzipatorisch", "antirassistisch" usw.), doch in letzter Konsequenz beweist das WIE ihres Handelns, dass sie in ihren tiefsten inneren Wurzeln genauso kapitalistisch geprägt sind wie die "bösen Kapitalisten". Der sog. Linke (und dabei meine ich nicht jene, die wirklich einen sozialen Anspruch verfolgen) unterdrückt seine kapitalistischen Wurzeln, weil er seine Herkunft leugnet und sich somit selbst das Wasser abgräbt. Ein Grund, warum auch die DDR letztendlich scheiterte, weil zwar alle Menschen gleich waren, doch einige eben gleicher - insbesondere jene, die sich gut anpassten und nach ihrem eigenen Profit strebten. Im Westen versucht(e) man es hauptsächlich über die Wirtschaft und im Osten über die Partei etc. Das Ziel war das gleiche - Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste. Den einen schützte die sog. Demokratie bzw. der Markt, den anderen das selbst ernannte höhere Ziel eines selbst konstruierten Sozialismus ... letzteren gab es nie wirklich, genauso wenig wie den freien Markt im Westen.

Doch zurück zum Radio: Was ist das Problem, einen Sender zu haben, der für sich Werbung macht? Ein Sender, der Wert auf Qualität legt und Hörer haben möchte? Der nicht belehren möchte, sondern informieren - journalistisch-handwerklich ausgefeilt, wenn auch auf nicht hoch-professioneller Ebene? Was spricht gegen Sponsoring-Konzepte, mit denen sich ein freier Radiosender langfristig selbst finanzieren kann und nicht auf schätzungsweise 80 % staatliche bzw. kommunale Gelder (u.a. SLM, Kulturamt Dresden, Jugendamt Dresden) angewiesen ist?

6. Freie Radios in Sachsen - wirkliche und hausgemachte Schwierigkeiten

Es ist kein Geheimnis, dass Sachsen von einer christlich-demokratischen Regierung regiert wird und dass seit nunmehr rund 18 Jahren. Es ist auch kein Geheimnis, dass im Freistaat Sachsen einiges nicht wirklich so läuft wie es laufen könnte. Wo städtisches Eigentum in private Hände übergeht, wo einer Landesbank mal so nahezu ohne großen Aufschrei einige Hundert Millionen Euro abhanden kommen, da muss man schon beide Augen zu drücken, um zu meinen, dass alles in Butter sei. Keine Frage, Sachsen braucht freie Medien und dazu gehören auch die freien Radios. Ich persönlich habe wenig Einblick in die freien Radios in Chemnitz ("Radio T") und Leipzig ("Radio Blau"), doch coloRadio in Dresden tat sich durch zwei Dinge hervor: 1. es war das erste in Sachsen (Gründung 1993) und 2. es bekam als letztes der drei eine längere wöchentliche Sendezeit, die mehr als vier Stunden betrug (ab März 2007 49 Stunden pro Woche).

Manchmal erschien es mir, als wären einige besonders stolz darauf, dass coloRadio einen der längsten Rechtsstreits in Sachsen geführt hatte. Man möge mich korrigieren, doch es sollen wohl um die 10 Jahre gewesen sein. Man mag sich vielleicht fragen, warum es Dresden offenbar schwerer hatte als Chemnitz und Leipzig. Ja, Dresden ist ebenso wie Sachsen zumeist CDU-regiert (gewesen), im Gegensatz zu den eher sozialdemokratisch geprägten anderen beiden sächsischen Großstädten. Ebenso scheint es mir jedoch, dass in Dresden einige der sog. alternativen Kräfte genauso spießig sind wie jene Bevölkerungsschichten gegen die sie eigentlich zu kämpfen glauben. Insbesondere die sog. linke Szene (wobei ich bezweifle, dass sie wirklich je links waren oder sind - was auch immer "links" ist) scheint mir hier noch ein paar Jahre zurück, wenn ich das einmal so formulieren darf. Ich komme nicht umhin, dass Dresden diesbezüglich immer noch ein Tal der Ahnungslosen zu sein scheint. Hat das zehn Jahre später kommende West-Fernsehen ebenso eine Veränderung des Schwarz-Weiß-Denkens in Grautondenken verzögert?

7. Als (pro-forma-)V.i.S.d.P. von coloRadio mit Schwierigkeiten

Wenig zurück geblieben sind jedoch die Gesetze und Regelungen, mit denen sich auch coloRadio hin und wieder beschäftigen "muss" bzw. sollte. Aus diesem Grund wurden im November 2007 bei coloRadio MitstreiterInnen gesucht, die die Funktion des "Verantwortlichen im Sinne des Presserechts", kurz V.i.S.d.P. übernehmen würden. Ich hatte mich mit den Frühstücksradiosendungen ganz gut eingearbeitet und ebenso das Gefühl, etwas voranbringen zu wollen. Also, meldete ich mich. Da es drei geben sollte, war ich einer von dreien. Was ich damals nicht wusste, war dass dies nur eine pro-forma-Sache war, denn coloRadio hatte bis dahin noch keine Lizenz erhalten und somit brauchte es auch keinen V.i.S.d.P. Offenbar hatte ich diesen Fakt jedoch überhört oder er war mir nicht wichtig oder keiner wusste eigentlich so richtig, worum es dabei wirklich ging.

Nun trug es sich zu, dass die Sächsische Landesmedienanstalt (SLM) Mitte März 2008 ihren Jahresempfang in Leipzig gab. Eine Rundmail innerhalb der coloRadio-Mailingliste hatte darauf hingewiesen und ich überlegte, ob ich daran teilnehmen sollte. Interesse hatte ich, doch ich wusste nicht, inwieweit ich Zeit haben würde, da ich in einer ABM beschäftigt war (von der an anderer Stelle noch die Rede sein wird). Ich wollte neben einer Reise in die Handelsmetropole und dem möglichen Treffen mit anderen Menschen, auch einmal sehen, was die SLM denn nun eigentlich "so für ein Laden" ist. Wenn man über mehrere Jahre hinweg immer mal wieder coloRadio-Sitzungen mit Diskussionen über Rechtsstreite mit der SLM miterlebt, dann ist das Bild leicht getrübt; unbewusste Vorurteile haben es leicht, sich einen Platz zu verschaffen. Da ich ja nun über die drei vorangegangenen Sendungen zum Thema "Was ist freies Radio?" mein Bild von der Emanzipation freier Gedanken bei einigen in coloRadio etwas erweitern konnte, war nun auch die SLM eine interessante Erfahrung gewesen. Ja "gewesen", denn nicht alles läuft so wie sich mein kleines Hirn das manchmal ausmalt.

Naiverweise hatte ich nämlich gedacht, der Jahresempfang ist einfach so eine mehr oder minder offene Veranstaltung. Man brauchte zwar eine Einladung bzw. Ankündigung, doch es ging um Medien und Meinungsfreiheit und solche Dinge. Dachte ich ... Nachdem ich mich arbeitsmäßig frei machen konnte, informierte ich den Vorstandsvorsitzenden von coloRadio, dass ich mit nach Leipzig fahren wöllte. Er war nicht wirklich begeistert ... die Gründe ahnte ich jedoch nicht alle. Er meinte, ich könne als Privatperson fahren, doch nicht im Namen von coloRadio (offenbar sah ich wohl nach "Nestbeschmutzer" aus). Ich rief bei der SLM in Leipzig an und erkundigte mich, wie ich mich noch kurzfristig anmelden könnte. Doch offenbar hatte man bei der SLM auch etwas Skepsis (oder gar schon Misstrauen?), wer da alles von coloRadio so kommen mochte. Naja, vielleicht hatte es etwas mit den jahrelangen Rechtsstreits zu tun und einiger Konversationen, die offenbar nur über Anwälte liefen. Ich wurde auf die Mitarbeiter bei coloRadio verwiesen, denn man wusste nicht, wer und was ich bei coloRadio bin. Ich erzählte, dass ich als V.i.S.d.P. fungiere, seit fast einem Jahr regelmäßig Sendungen mache und dies auch von einem langjährigen Freund so bestätigt werden könnte. Was dann zwischen SLM und coloRadio passierte, weiß ich nicht, doch am Vortag des SLM-Jahresempfangs bekam ich eine e-Mail von einer SLM-Mitarbeiterin mit dem Inhalt "coloRadio hat mir heute mitgeteilt, dass Sie nicht der offizielle Vertreter sind. Ich muss Sie daher bitten, auf eine Teilnahme am Jahresempfang des Medienrates zu verzichten." Ich wollte mich noch einmal bei der SLM erkundigen, erwischt jedoch betreffende Mitarbeiterin offenbar mitten in den letzten Vorbereitungen für den Jahresempfang. Sie hatte "ohrenscheinlich" kein Ohr für meinen Fall und blockte etwas ab. Ich beließ es dabei und meinte, dass ich mich gegebenenfalls später noch einmal bei ihr melden würde.

Tja, da hatte ich wohl wieder mal Lehrgeld für meine Unwissenheit bezahlt. Kommunikation ist eben keine einfache Sache und vielleicht habe ich einfach so unschuldig gewirkt, dass es schon wieder verdächtig wirkte?  
 

8. Transparenz - ein Zauberwort mit mehreren Bedeutungen ... Anspruch und Realität bei coloRadio

Es folgten darauf - Ende März 2008 - einige Tage Ruhe und ich hatte mich mal wieder an ein Thema gesetzt, welches ich Stück für Stück voranbringen wollte: ein transparentes Radio. Viele Dinge bei coloRadio laufen recht unverbindlich, die Sendungsmacherliste ist bruchstückhaft verwaltet ... ganz normal in einem "Betrieb", in dem das Tagesgeschäft solche Dinge erschwert. Es braucht daher Menschen, die konsequent an einer Sache dran bleiben - immer mal wieder. Einige Dinge sind scheinbar gerade in Ordnung gebracht und mit großer Sicherheit entfleucht die Ordnung am selben Tag, so z.B. eben Verbindlichkeiten bzgl. des Sendeablaufes. Es kann durchaus vorkommen, dass Sendungen durch Krankheit ausfallen. Dann ist es gut, eine Telefon-Nummer zu haben, unter der die betreffende Person erreicht werden kann. Nichtsdestotrotz gibt es ja auch den Tageskoordinator, der einfach mal eine Stunde lang Musik spielen kann oder eben eine Austauschsendung einlegt. Sendungsausfälle sind vielleicht nicht schön, doch um es mal salopp zu sagen "Hauptsache, es dudelt." ... eine Stunde klassische Musik kann auch jedes freie Radio mal vertragen.

Doch worum geht es konkret? Um eine Erleichterung der Arbeit, um nichts anderes. Menschen, die sich beim Namen kennen, haben einfach weniger Berührungsängste als welche, die vielleicht nur wissen, dass da jemand von dem Sendungsteam irgendwann mal irgendwie usw. ...
Parallel dazu hatte ich über die Mailingliste angeboten, dass ich die Frühstücksradiosendung auch gern zu zweit moderieren wöllte. Eigentlich gedachte ich ehedem langsam aufzuhören, doch wollte ich "meine" Sendung auch einem Nachfolger übergeben, so wie man das eben bei einem Projekt macht. Meine Einladung an denjenigen, der "meine" Sendung gleich komplett übernehmen wollte, war von ihm mit Schweigen beantwortet worden (siehe Punkt 5). Es meldete sich auch sonst niemand. Hmm, es war eben wie es war ... Dresden hat so viel Potential, doch keiner geht hin. Ich war dabei den April-Sendeplan mit zu gestalten und versuchte eine Absprache mit den anderen Samstagsfrühstücks-Teams, derer es zwei gab. Ursprünglich war es eine Crew, doch im April stand des Weiteren ein zweites Team mit dem Namen "Lötstation" im Plan; jedoch weder mit Namen, Kontaktadressen noch Telefonnummern. Eine gemeinsame Absprache war also nicht möglich. Da ich mich an deren erstem Sendetag ursprünglich auf den Plan gesetzt hatte, dies jedoch nicht im Internetplan sondern im analogen Wandkalender getan hatte, war ich sowieso im Radio, wenn auch nur als Tageskoordinator, der ein bisschen Telefondienst macht und den Sendeablauf beobachten sollte.

Was sich dann herausstellte, war nur ein Kopfschüttler von vielen ... Das Team "Lötstation" bestand aus dem Vorstandsvorsitzenden von coloRadio und zwei meiner Radiogäste aus den Februar-Sendungen. Zwei davon saßen auch in dem Team, welches zwei Wochen zuvor meine "Sendepause" beschlossen hatte. Fürwahr elegant gelöst. Es sprach nichts dagegen, weitere Sendeteams zu haben, ganz im Gegenteil, coloRadio brauchte Sendungsmacher, weil es Lücken gab (und meines Wissens noch gibt). Doch was war mit dem selbst gesteckten Ziel der Transparenz? Hatten nicht unsere Telefonversorger unter Umständen mehr Wissen über die internen Abläufe bei coloRadio als dessen Mitarbeiter? Macht Angst und Zwietracht unter Menschen nicht jegliche Ideologie zu einem absurden, fast schon tragikkomischen Spiel?
 

9. Handball und Fußball - Ratschläge für Leute, die (dennoch) bei coloRadio arbeiten wollen

Die vorangegangenen Zeilen wirken vielleicht so als würde ich abraten, bei coloRadio selbst senden zu wollen oder gar coloRadio zu hören. Dem ist nicht prinzipiell so. Die Sache des Hörens des coloRadio-Programms steht und fällt für viele Dresdner sowieso mit dem Empfang. Nach einigen Unterhaltungen kam ich zu dem Schluss, dass coloRadio zwar seit März 2007 wöchentlich 49 statt 4 Stunden auf Sendung ist (früher auf der Frequenz von Energy, jetzt Apollo), jedoch in seiner Reichweite erheblich eingebüßt hat. Nach mehr als einem Jahr Sendezeiterweiterung tritt nun langsam auch das zu Tage, was nicht völlig abwegig erschien. Es gibt Sendelücken, nach wie vor gehen Menschen nicht gerade im inneren Frieden von coloRadio ... die persönlichen Interessen, übersteigerte weil nicht offen eingestandene Egos unter dem selbst gestrickten Deckmäntelchen der gesellschaftlichen Verbesserung führ(t)en dazu, dass sich coloRadio seit Jahren um die eigene Achse bewegt. Letzteres ist prinzipiell nichts schlimmes, nur fehlt der Blick über den Achsenrand. Die Welt ist wesentlich komplexer, als einige scheinbar wollen bzw. sich vorstellen wollen. Vieles geschieht aus (geistiger) Blindheit und fehlender Selbstliebe - zuerst vor den Türen anderer kehren, bevor man den Blick nach innen wagt, lautet offenbar auch die Maxime bei eingängigen Hauptaufklärern bei coloRadio.

Was coloRadio wirklich am Leben hält, ist das Engagement vieler Sendungsmacher, die sich von diesen Dingen nicht mehr als nötig beeinträchtigen lassen. Ich sehe es keineswegs so, dass viele sich ja gar nicht engagieren wollen und deshalb meist die selben Personen die organisatorischen Aufgaben übernehmen. Aus eigener Erfahrung kann ich gutem Gewissens sagen, dass die Art und Weise, wie die Innenpolitik bei coloRadio betrieben wird, jeden ehrenamtlich arbeitenden Menschen abschreckt ... es sei denn er ist ein Gemütsmensch par exellence. Doch selbst Gemütsmenschen wird es wahrscheinlich irgendwann langweilig ... und sie gehen.

Es gibt sehr viele interessante Sendungen, ganz gleich ob aus dem musikalischen, kulturellen oder politischen Bereich. Kinder gehen selbst auf Sendung, lokale Bands spielen live im Studio, Personen aus dem Alltag, die etwas sagen wollen ... Doch ein Radio mit den Möglichkeiten wie coloRadio kann mehr, es kann durchaus auch kundenfreundlicher und professioneller sein. Kein Hörer erwartet, dass coloRadio-Sendungen wie beim Deutschlandfunk klingen oder möchte drei Stunden nacheinander Charts-Musik hören. Dafür gibt es andere Sender ... Doch was spricht dagegen, von professionellen Sender etwas Handwerkliches zu erlernen? Ein freies Radio kann durchaus auch ein Sprungbrett sein für eine berufliche Laufbahn, momentan sieht es im politischen Bereich eher wie eine "linke Kaderschmiede" aus - wobei ich gerade überlege, ob sie das Wort "links" überhaupt verdient hat. "Linkisch-dilletantisch" würde es wohl besser treffen ...

Wenn ihr zu coloRadio geht und etwas lernen wollt, etwas Spaß haben wollt, dann tut es. Lernt dazu - in allen Lebensbereichen. Eine der Personen, die hauptsächlich das Sendeverbot für mich forcierten, meinte in einem unserer recht langen Gespräche, dass ich auch nicht in einen Fußballclub gehen und dort Handball spielen könne. Ich verstand seine Intention, denn "freies Radio" heißt für ihn "linkes Radio". Doch aus meiner Sicht bin ich in einen Club gegangen, an dessen Eintrittsschild groß "Handballclub" stand und nach einiger Zeit stellte ich fest, dass einige gelegentlich Fußball spielen. Und wieder einige Zeit später bemerkte ich, dass die gelegentlichen Fußballspieler es als Handball verkaufen wollten und einige Personen, die weiterhin Handball spielen wollten, aus dem Club drängten. Zunächst etwas subversiv (öffentliche Sendungskritik) und dann ganz offen mit einem Spielverbot (Sendeverbot). Tja, jeder Handballspieler, der seinen Sport liebt, sucht sich doch dann einen anderen Club, wenn er die Freude am Spielen behalten möchte.

Insofern mein Ratschlag: geht zu coloRadio und verbessert euer Handballspiel. Lasst euch die Spiellaune nicht verderben und macht ein gutes Spiel, wenn ihr auf Sendung seid. Das haben eure Zuschauer bzw. Zuhörer verdient. Wenn ihr merkt, keine Lust mehr zu haben, dann geht besser in Frieden als im Frust - wie es so viele vor Euch getan haben.
 

10. Über den freiwilligen Abgang zur "Persona non grata" bei coloRadio?

Auf einer Sitzung der Kultur-Redaktion Anfang April 2008 bat mich ein langjähriger Freund, ihn bei seiner Literatursendung zu unterstützen. Da er ein paar selbst verfasste Gedichte vorlesen wollte, bat er mich zu moderieren. Er hatte mich bereits im Januar 2008 darauf angesprochen und nun war es an der Zeit. Ich informierte ihn von der im März 2008 verordneten Sendepause, doch er beruhigte/beschwichtigte mich, dass das schon alles geregelt sei. Ich sei zur Unterstützung bei der Technik eingetragen und somit wäre das alles kein Problem. Nach mehrmaligem Hin und Her sagte ich zu. Die Tage darauf bemerkte ich jedoch, dass es zu Problemen führen würde. Die Fraktion, welche das Sendeverbot angestrengt hatte, war zwar klein, jedoch hartnäckig - "Mit uns oder gegen uns" schien bei einigen die Devise.

Am Donnerstag, dem 17. April 2008, war ich dann also am Mikrofon des Literaturmagazins, zusammen mit dem sonstigen Sendungsmacher und Autoren sowie einer Dresdner Autorin und einem Geiger, die vier Monate zuvor in einer der Frühstücks- & Brunchradiosendungen schon zu Gast gewesen waren. Der Kontakt für diese Literatursendung war letztlich über mich zu Stande gekommen und ich fand es als prinzipiell gute Idee, wenn nicht im Hintergrund das "Sprechverbot" mitschwang. Die Sendung lief sich ganz gut an, als mitten in der Sendung einer der Mitarrangeure des Sendeverbots reichlich wutentbrannt und ohne vorher anzuklopfen - wie es zumindest üblich wäre, wenn die rote "On-Air-Lampe" leuchtet - das Studio betrat. Er kritzelte hastig etwas auf einen Zettel, schob sich in dem recht engen Studio an den beiden Gästen vorbei und gab es dem Redakteur. Es war nicht 100% ersichtlich, doch wie sich später herausstellte, war es ein Hinweis an ihn, dass er das zu verantworten hätte. Mit anderen Worten, dass er mich trotz "Verbot" in seiner Sendung und am Mikrofon hatte.

Die nächste halbe Stunde reifte dann in mir ein Entschluss zur Vollendung, welchen ich schon vorher innerlich getroffen hatte, doch der noch keine Manifestation im Außen erfahren hatte. Ich nutzte die letzte Sendeminute des Literaturmagazins, um mich live und in aller Kürze von 56 Sekunden von coloRadio vorerst zu verabschieden ... zumindest so lang, bis coloRadio frei wäre -> mp3-File zum Nachhören.

Interessanterweise war nun nicht nur jene Person etwas pikiert, welche die nachfolgende Sendung eine Minute später startete (da coloRadio regelmäßig Leerzeiten hatte, dachte ich an eine Zweitausstrahlung und sah eine Minute nicht als Problem an), sondern auch der befreundete Redakteur.

11. Wo Angst regiert, ist schlecht arbeiten

Woher diese "Pikiertheit" rührte und welche Kreise sie ziehen kann, erfuhr ich dann ein paar Tage später, am 20. April 2008 auf der monatlichen Gesamtredaktionssitzung. Seit längerer Zeit waren mit 17 Personen erstaunlich viele anwesend; offenbar waren die Vorfälle einigen nicht ganz unwichtig. Im Laufe der Sitzung kam irgendwann das Thema "Michael Winkler" auf die Gesprächsordnung. Da ich mich selbst schon innerlich vom Radio verabschiedet hatte, konnte ich relativ leicht mit der Situation umgehen; ich hatte nichts zu verlieren. Andere dagegen offenbar schon. Dies bemerkte ich erst nach der Sitzung, in der plötzlich all jene, die Jahre oder Monate zuvor einen Wandel bei coloRadio angestrebt hatten, quasi "umkippten". Essentielle Themen, wie z.B. die Verhängung eines Sendeverbots durch ein paar Radiomitstreiter über die Köpfe der Einzelredaktionen (Musik, Kunst & Kultur, Politik) hinweg, wurden "abgewürgt".

Meine Erklärung für dieses Verhalten ist vielleicht etwas kurz gedacht, doch zumindest schlüssig. Plötzlich hatte sich die Angst breit gemacht, dass man selbst ins Zielfeuer eines Sendeverbots geraten würde. Und lieber ein Bauernopfer hinnehmen als seine eigene Haut in Gefahr bringen. Im Grunde hatte sich die Sache eines freien Radios mit sozial agierenden Menschen für mich vorher schon stark in Frage gestellt, an diesem Abend wurde der Schleier der Naivität endgültig von meinen Augen genommen.

Am skurrilsten war jedoch jene Situation als der e-Mail-Listen-"Ausputzer", welcher nach ein paar Tagen Diskussion zum Thema X, Y, Z, mit einer destruktiven Mail meist die gesamte Diskussion zum Beenden brachte, sich von seinem Stuhl erhob, sein Weinglas nahm und meinte mich dabei anschauend sinngemäß: "Das macht hier keinen Spaß mehr. Am liebsten würde ich dir eine auf's Maul hauen." ... Tja, das waren sie also die friedlichen, sozialen, freien Geister ... Wenn die mentale Kraft nicht mehr ausreicht, dann wird's auch mal körperlich. Der Unterschied zum bösen "Nazi" ist wahrscheinlich lediglich der, dass der Nazi Bier trinkt und möglicherweise wirklich zugeschlagen hätte. Übertroffen wurde diese Szene eigentlich nur noch durch einen Kommentar eines weiteren "Kapitalismus-Bekämpfers", der dem "auf'-Maul-hauen"-Vorschlag zustimmte. Gerade jene Personen, die sich besonders in den Dienst der Wahrheit und der Befreiung usw. stellten, hatten damit ihr wahres Gesicht gezeigt. Beide Personen waren im Übrigen reichlich zwei Monate zuvor Gäste in den "Was ist freies Radio?"-Sendungen gewesen - Zufälle gibt's :)

Damit erübrigt sich vielleicht auch die Frage, welche unterdrückten Befindlichkeiten die Arbeit bei coloRadio erschweren. Wo Scheinheiligkeit regiert und die Mittel den Zweck heiligen, da braucht man sich nicht mit dem Titel "freies Radio" zu schmücken.

12. Eine andere Kommerzialisierung bringt auch ein anderes Radio hervor

Ein Hauptproblem, welches ich in den vier Jahren bei coloRadio immer wieder sah und welches auch bekannt war und ist, weil es ein gesamtgesellschaftliches ist, ist jenes der Organisation des Radios. Mit anderen Worten: wie kann ich interessierte Menschen anziehen, die Freude am Radiomachen haben und wie kann ich sie sich als Teil eines großen Ganzen, eines "freien Radios Dresden", fühlen lassen. Es ist völlig verständlich, dass sich die meisten primär um das Sendungsmachen kümmern wollen, denn dafür sind sie ja da. Die Organisation des ganzen ist ebenso wichtig, doch sie ist zunächst nicht im Blickfeld, zumindest bei den wenigsten, es sei denn sie wollen etwas über Management beim Radio lernen und nicht über das Medium an sich.

coloRadio erhält mehrere Zehntausende Euro jedes Jahr durch das Dresdner Jugendamt sowie das Kulturamt sowie in den meisten Fällen eine Erstattung der Leitungskosten. Es ist im Grunde kaum auf die zahlenden Mitglieder angewiesen und folglich verlieren einige offenbar die Hörer aus dem Blickfeld. Wichtig ist, dass das Radio läuft, die Qualität der Sendungen, ihre Zugänglichkeit, die Themenwahl in der Breite, werden nicht selten vernachlässigt. Das betrifft weniger die Musik & Kulturbranche, sondern insbesondere die Politik.

Ich halte es für sinnvoll, die Sendungsplätze auch an eine finanzielle Seite zu binden. Würde man 5 Euro pro Stunde (8 Euro für zwei, "Lücken-Einspringer" kostenfrei, ähnlich wie bei "Radio Blau" in Leipzig) bezahlen, würde das Radio als solches auch Geld über die Sendungsmacher einnehmen, die ihrerseits sich auch mehr an der Ausrichtung des Radios beteiligen könnten. Wer Geld zahlt, möchte auch ein Wörtchen mitsprechen können. Momentan haben die Verdiener bei coloRadio die Macht über die Nichtverdiener - wie im Kapitalismus üblich. Warum sollte es auch anders sein?

Im Gegensatz dazu könnten sich die einzelnen Sendungsmacher ihrerseits um die Bewerbung ihrer Sendungen kümmern und nicht coloRadio als Ganzes. Somit wäre für eine regelmäßige PR gesorgt und wer clever ist, kann auch "Sponsoren" für seine Sendung finden. Somit wären auch die 5 oder 8 Euro pro Stunde (im Monat) kein finanzielles Problem mehr. Die Kritik einer möglichen Verkommerzialisierung steht hier nur bedingt zur Diskussion, da jede Information irgendeiner Veranstaltung bereits PR oder Werbung bedeutet. coloRadio war nie und wird nie "nicht kommerziell" sein. Allein einige Mitgliedsbeitragszahlungen oder Spenden werden an eine gewisse politische Ausrichtung gebunden sein, ohne dass dies freilich so geäußert werden würde.

Denkbar wäre auch eine Aufteilung des Radios in mehrere Radiosender. Die Technik ist vorhanden. Warum sollten die einzelnen Redaktionen nicht auch eigene Radionamen haben? Die Abstimmung über die Sendezeiten würde intern oder - bei Problemen - über die SLM erfolgen, auch wenn es da sicher gewisse Anpassungsschwierigkeiten geben könnte. Momentan ist coloRadio größtenteils eine Mitschnittstation für die meisten Sendungsmacher, die hinterher ihre Sendungs-mp3-Files ins Internet stellen (was ich grundsätzlich unterstütze) - dafür braucht man jedoch kein Radio(studio), sondern dafür reicht das Internet.

13. Fazit & Die Zukunft von coloRadio

Ein freies Radio in Dresden hat durchaus Potential. Es gibt mehr als 500.000 Einwohner, mehr als 30.000 Studenten, mehr als 40.000 Arbeitslose und mehrere Tausend Menschen, die ebenso Zeit und Muse haben, mal "die Welt von der anderen Seite" des Radio ausprobieren zu wollen. Radio ist für jeden Menschen eine interessante Erfahrung, das kann ich mit Gewissheit sagen. Viele werden vielleicht lieber zuhören als eine Sendung zu machen, doch ich vermute, dass sicher ein Prozent der Dresdner Lust auf Radiomachen hätte ... wahrscheinlich sogar mehr. Und wenn es nur dieses eine Prozent ist, wären es mehr als 5000 Menschen ...

Dem momentanen Radio ist in dieser Form m.E. keine Zukunft beschieden. Der Kapitalismus dreht in seiner jetzigen Form seine letzten Runden und das schreiben nicht nur linke Zeitungen, sondern das wissen u.a. auch einige Journalisten der ZEIT oder diverser anderer Zeitungen, trotz aller Medienkonzentration, über die selbst die Bundeszentrale für politische Bildung informiert. Der "Hardcore Leftwing" (und da übernehme ich gern den Begriff eines langjährigen Mitwirkenden von coloRadio, siehe Punkt 5) bei coloRadio wird in einigen Jahren selbst zum Mainstream, da Kapitalismuskritik keine alleinige Sache der Freien Radios ist. Einige werden sich dann wohl eine neue Sache suchen, die sie sich zu ihrem Feindbild machen können, denn "Gegen" ist für einige offenbar erst einmal immer gut.

Eine Sache könnte jedoch die Existenz von coloRadio gefährden, denn obwohl der Kapitalismus so "böse" ist, zahlt er (in Form des Staates und damit verbundener Stiftungen) doch eine ganze Menge Geld, sodass überhaupt etwas über den Sender kommen kann. Insofern täte es der Zukunft von coloRadio gut, wenn man den permanenten Konfrontationskurs (so erscheint es zumindest) etwas mehr in Richtung Kooperation verschieben könnte. Dass die Welt Dinge enthält, die es zu verändern gilt, ist den meisten bewusst, doch das WIE, sprich der Ton, macht bekanntlich die Musik ... insbesondere beim Radiomachen. Slogans wie "Keine Toleranz den Intoleranten!", gern verwendet, wenn es um das Thema Rechtsradikale geht, sind zwar ganz gut gemeinte Adaptionen mehr oder minder bekannter Schriftsteller, doch gleichzeitig disqualifiziert man sich mit solchen Sprechblasen schon von Anbeginn. Toleranz und Akzeptanz sind zwei verschiedene Dinge und Intoleranz gegen über anderen Intoleranten stellt beide Gruppen auf eine Stufe, ganz gleich aus welchen Motiven heraus sie agieren. Ohne Feindbilder können offenbar beide nicht leben.

Persönlich habe ich in fast fünf Jahren coloRadio gelernt, dass die sogenannte Linke stellenweise keinen Deut besser ist als die Gruppierungen, die sie bekämpfen wollen. Das Wort "Freiheit" verkommt auf allen Seiten schnell zur Floskel, wo Ideologien das Sagen haben, ganz gleich ob es aus Rassenhygiene, Nationalismus, Marktdenken oder sog. Sozialismus etc. heraus geschieht. Jede menschgemachte Ideologie, die für sich die alleinige Gültigkeit in Anspruch nimmt, ist früher oder später zum Scheitern verurteilt. Bleibt die Suche nach neuen Wegen und die beginnen immer bei sich selbst, wenn es denn langfristig Sinn machen soll.

Ich habe bei coloRadio (wieder) gelernt, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist. Ich habe viele Menschen kennengelernt, von denen mich vielleicht einige enttäuscht haben (so wie ich sie vielleicht auch), doch Ent-Täuschungen verringern unsere Illusionen ... insofern ist allen langfristig geholfen. Die meisten Dinge lassen sich ja auch nach einer gewissen Zeit bei einer Tasse Kaffee oder Tee in Ruhe und Frieden klären. Das ist wie in Beziehungen ... Und ebenso wie in Beziehungen ist es notwendig, den Punkt zu erkennen, an dem man besser geht. Nicht im Hass, sondern in Liebe und mit Bestimmtheit ... Alte Liebe rostet nicht und ein Neubeginn ist immer möglich, vielleicht nicht morgen, doch möglicherweise übermorgen.

Insofern wünsche ich allen bei coloRadio und allen Hörern ein angenehmes Radiomachen ... möge Dresden bald ein wirklich freies Radio haben.